Digitale Infrastruktur
Digitale Abhängigkeit von den USA: Viele Unternehmen bleiben untätig
Knapp 88 Prozent der Unternehmen in Deutschland nutzen digitale Produkte oder Dienste US-amerikanischer Anbieter. Rund 31 Prozent sehen sich dabei stark von diesen Unternehmen abhängig. Gleichzeitig bleibt die Bereitschaft zur Risikovorsorge begrenzt: Mehr als vier von zehn Unternehmen, die ihre Abhängigkeit als Risiko einschätzen, planen keine Maßnahmen dagegen. Das zeigt eine Untersuchung des ifo Instituts, München.
"Die Unternehmen wissen recht genau, wo sie stehen – sie ziehen daraus kaum Konsequenzen", sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo Befragungen.
Als mögliche Gründe nennt das ifo Institut die zusätzlichen Kosten einer stärkeren digitalen Unabhängigkeit sowie die Unsicherheit darüber, ob Lieferanten und Kunden entsprechende Investitionen ebenfalls tätigen.
Besonders hoch ist die Abhängigkeit im Dienstleistungssektor
Am stärksten betroffen fühlt sich der Dienstleistungssektor: 39 Prozent der Unternehmen geben an, stark von US-amerikanischen Digitalanbietern abhängig zu sein. Im Bauhauptgewerbe sind es dagegen 15 Prozent. Besonders relevant ist die Situation für die Werbe- und Marktforschungsbranche. Dort sehen sich 72 Prozent der Unternehmen stark abhängig von US-Anbietern. Allerdings bewerten lediglich 51 Prozent diese Abhängigkeit als sehr riskant.
US-amerikanische Plattformen und Technologiekonzerne spielen eine zentrale Rolle bei digitalen Werbeumfeldern, Datenanalyse, Cloud-Diensten und zunehmend auch bei Anwendungen auf Basis künstlicher Intelligenz. Abhängigkeiten können damit nicht nur technische Prozesse betreffen, sondern auch die Möglichkeiten von Marken, Kund zu erreichen und digitale Services zu steuern.
Europa soll Alternativen schaffen
Unternehmen, die Maßnahmen gegen ihre Abhängigkeit planen, setzen vor allem auf europäische Lösungen. 34 Prozent nennen den Wechsel zu europäischen Anbietern als mögliche Maßnahme. 30 Prozent wollen ihre Anbieter stärker diversifizieren. Der Aufbau einer eigenen IT-Infrastruktur spielt mit 18 Prozent eine deutlich geringere Rolle.
Dem stehen allerdings begrenzte Kapazitäten in Europa gegenüber. Auf die Europäische Union entfallen laut ifo Institut weniger als fünf Prozent der weltweit erfassten Rechenkapazität für KI-Anwendungen.
"Die Bereitschaft zum Wechsel ist da, das Angebot fehlt", sagt ifo-Präsident Clemens Fuest.
Er fordert unter anderem einen schnelleren Ausbau von Rechenzentren und Energieinfrastruktur sowie kürzere Genehmigungsverfahren. Auch die öffentliche Hand könne durch verbindliche Abnahmezusagen für europäische Anbieter für mehr Planungssicherheit sorgen.
Auslöser der ifo-Befragung war unter anderem die vorübergehende Sperrung der leistungsfähigsten KI-Modelle des US-Anbieters Anthropic für ausländische Nutzer im Juni. Die Maßnahme wurde Ende Juni wieder aufgehoben. Der Vorgang machte jedoch sichtbar, wie abhängig Unternehmen von Entscheidungen einzelner Technologieanbieter sein können.
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