Krisenfestigkeit
Lieferketten unter Druck: Ernährungsindustrie baut Risikomanagement aus
Die deutsche Ernährungsindustrie sieht sich mit einer veränderten Risikolage konfrontiert. Steigende Beschaffungskosten, Cyberangriffe, geopolitische Konflikte und Unsicherheiten bei langfristigen Investitionen prägen zunehmend das Risiko- und Krisenmanagement der Unternehmen. Das zeigt eine Studie der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) und der AFC Risk & Crisis Consult GmbH. Befragt wurden 330 Verantwortliche aus Unternehmen der Ernährungsindustrie.
Für Markenartikler hat die Entwicklung eine besondere Bedeutung: Wenn Rohwaren teurer oder schwerer verfügbar sind, Lieferketten unterbrochen werden oder Produktionsprozesse ausfallen, kann dies auch die Verlässlichkeit einer Marke gegenüber Handel und Konsument berühren. Resilienz wird damit zu einer Frage, die über operative Prozesse hinausgeht.
Beschaffungskosten rücken in den Fokus
81 Prozent der Befragten nennen steigende Beschaffungskosten als Herausforderung. Damit haben sie die verminderte Verfügbarkeit von Rohwaren, die 65 Prozent der Unternehmen nennen, als wichtigstes Risiko abgelöst. 57 Prozent berichten von verlängerten Lieferzeiten. Auch die Unsicherheit bei langfristigen Investitionen hat laut Studie an Bedeutung gewonnen.
Die Unternehmen reagieren vor allem mit strukturellen Anpassungen. 70 Prozent diversifizieren ihre Lieferketten stärker, mehr als die Hälfte passt ihre Beschaffungsstrategie an. 43 Prozent setzen verstärkt auf den regionalen Bezug von Rohwaren. Dagegen verlieren höhere Lagerbestände und der Rückzug aus einzelnen Bezugsländern an Bedeutung.
Reputationsrisiken bleiben eine Lücke
Beim klassischen Krisenmanagement sind viele Unternehmen inzwischen vorbereitet. 97 Prozent sehen sich für Produktkrisen gerüstet, bei betrieblichen Krisen sind es 81 Prozent. Bei Compliance-Krisen liegt der Anteil bei 66 Prozent. Deutlich niedriger ist die Vorbereitung auf Reputationskrisen: Nur die Hälfte der Befragten gibt an, darauf vorbereitet zu sein.
Auch bei den Ablaufplänen zeigt sich insbesondere bei Reputations- und Compliance-Krisen Nachholbedarf. Für Markenunternehmen ist dies relevant, weil Krisen nicht allein die operative Handlungsfähigkeit betreffen können, sondern auch das Vertrauen von Konsument, Handelspartnern und weiteren Stakeholdern.
Resilienz noch nicht flächendeckend verankert
Ein umfassendes betriebliches Resilienzmanagement ist bislang weniger verbreitet. Nur 20 Prozent der befragten Unternehmen haben ein entsprechendes Managementsystem implementiert. Zugleich hat sich die Wahrnehmung kritischer Schwachstellen verändert. Während 2024 technische und finanzielle Faktoren im Vordergrund standen, werden inzwischen stärker organisatorische Aspekte genannt. Dazu zählen unter anderem Führungskultur, Veränderungsmanagement, verfügbare Ressourcen sowie der Austausch von Informationen und Erfahrungen.
Die Ergebnisse zeigen damit eine Verschiebung vom reinen Krisenmanagement hin zu einer breiteren Betrachtung der Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens. Neben Lieferketten und IT-Systemen spielen dabei auch organisatorische Strukturen, Frühwarnsysteme und die Vorbereitung auf unterschiedliche Störungsszenarien eine Rolle.
Cybersicherheit wird ausgebaut
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei der IT-Sicherheit. 88 Prozent der Unternehmen investieren in IT-Systeme und Netzwerksicherheit, 84 Prozent setzen auf mehrstufige Datensicherung. 81 Prozent schulen und qualifizieren die verantwortlichen Mitarbeitenden. Zwei Drittel der Befragten haben ein Informationssicherheits-Managementsystem (ISMS) aufgebaut.
Die Studie von BVE und AFC macht damit deutlich, dass Resilienz in der Ernährungsindustrie zunehmend mehrere Ebenen umfasst: von der Beschaffung über Lieferketten und IT-Sicherheit bis hin zu Reputation und organisatorischen Strukturen. Für Markenunternehmen wird damit auch die Fähigkeit, in Störungen verlässlich zu liefern und in Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben, zu einem Bestandteil der Markenführung.
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