
Sai-Man Tsui ist Managing Director der JOM Group und verantwortet den Bereich Business Development und Innovations - Quelle: JOM Group
Digitaler Werbebetrug
Ad Fraud: Transparenz statt Panik
Digitale Werbung bietet enorme Chancen – doch mit wachsender technischer Komplexität steigt auch das Risiko für Manipulation. Ad Fraud ist längst kein Randthema mehr, sondern eine Herausforderung, die Transparenz, Kontrolle und Aufklärung erfordert. Wie das gelingt, erläutert Sai-Man Tsui, Managing Director der JOM Group, in seinem Beitrag für markenartikel:
Digitale Werbung hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Mit datenbasierter Planung, programmatischem Einkauf und immer feineren Targeting-Möglichkeiten lassen sich Kampagnen heute sehr präzise steuern. Diese Entwicklung bringt Effizienzgewinne – aber auch Komplexität. Je vielschichtiger die Wertschöpfungskette wird, desto größer wird auch die Angriffsfläche für Manipulation. Ad Fraud ist damit kein Randthema, sondern eine reale betriebswirtschaftliche Herausforderung.
Das wachsende, aber oft unterschätzte Problem Ad Fraud – also betrügerische Aktivitäten im Zusammenhang mit digitaler Werbung – betrifft im Grunde jedes Unternehmen, das online wirbt. Die Schätzungen zu den finanziellen Auswirkungen gehen weit auseinander, aber klar ist: Die Summen sind erheblich. Es geht nicht nur um verlorenes Budget, sondern auch um verfälschte Leistungsdaten, die zu falschen strategischen Entscheidungen führen können.
Was uns in Gesprächen mit Werbetreibenden immer wieder auffällt: Das Thema ist erstaunlich selten präsent. Manchmal entsteht der Eindruck, als seien Probleme wie Targeting-Güte, Datenqualität oder eben Ad Fraud längst gelöst – als hätten wir es immer mit hundertprozentig passgenauer Zielgruppenansprache zu tun. Das ist jedoch nicht die Realität. Genau hier beginnt Aufklärung: Nur wer die Grenzen und Risiken kennt, kann Mediaplanung und Budgetentscheidungen richtig einordnen.
Besonders tückisch ist, dass der Betrug selten offensichtlich ist. Auf den ersten Blick sehen viele Kampagnenberichte gut aus: Reichweitenziele werden erreicht, Klickzahlen stimmen. Doch nicht immer steckt dahinter echte menschliche Interaktion. Bots, Fake-Traffic oder manipulierte Webseiten können die Performance-Daten verzerren – und damit auch die Grundlage für künftige Investitionsentscheidungen.
Manchmal zeigt sich Ad Fraud auch in geradezu absurden Szenarien, etwa wenn Ad-Requests angeblich von WLAN-fähigen Kühlschränken stammen oder App-Werbeplätze als Connected-TV-Inventar verkauft werden. Solche Fälle verdeutlichen, wie wichtig es ist, die Daten kritisch zu hinterfragen – und nicht alles, was technisch möglich scheint, für bare Münze zu nehmen.
Konkrete Betrugsformen — kurz erklärt
Um das Thema greifbar zu machen, hier einige typische Muster, die uns in der Praxis begegnen:
- Pixel Stuffing / Ad Stacking: Anzeigen werden in winzige Pixel oder hintereinander gestapelte Layer gepackt, sodass Impressions gezählt werden, die Anzeige aber nicht sichtbar ist.
- Domain Spoofing: Werbung wird als auf Premium-Umfeldern ausgewiesen, läuft in Wahrheit aber in minderwertigen oder gefälschten Umgebungen.
- MFA-Sites (Made-for-Advertising): Seiten, die einzig und allein für die Ausspielung von Werbung erstellt wurden — inhaltsleer und gesteuert, um Traffic vorzuspielen.
- SDK-/App-Spoofing: Im mobilen Ökosystem manipulieren betrügerische SDKs oder Apps Signale, um Conversions oder Views vorzutäuschen.
- Device-/Request-Spoofing: Ad-Requests, die von ungewöhnlichen Geräten kommen (z. B. IoT-Geräte) oder Devices vortäuschen, die in der Zielgruppe nicht relevant sind.
- Fehlklassifizierte Inventare: Zum Beispiel, wenn App-Plätze als CTV-Inventar verkauft werden — wirtschaftlich attraktiv, technisch jedoch oft problematisch.
Diese Beispiele zeigen: Ad Fraud tritt in vielen Formen auf — technisch simpel oder hochgradig raffiniert. Entscheidend ist, sie zu erkennen und die richtigen Gegenmaßnahmen einzusetzen.
Künstliche Intelligenz als Katalysator
Künstliche Intelligenz (KI) spielt in dieser Entwicklung eine doppelte Rolle. Einerseits hilft sie, Muster zu erkennen, Betrug zu identifizieren und Kampagnenaussteuerung zu optimieren. Andererseits beschleunigt sie auch die andere Seite: Webseiten lassen sich in Sekunden generieren, und Bots simulieren menschliches Verhalten immer überzeugender.
Für uns als Agentur bedeutet das: Wir müssen beides im Blick behalten. Wir nutzen KI, um Auffälligkeiten zu erkennen, und gleichzeitig beobachten wir, wie sich Betrugsmuster durch KI weiterentwickeln. Der technologische Fortschritt ist ein Katalysator – aber in beide Richtungen.
Aktiv analysieren statt verwalten
Ad Fraud ist ein dynamisches Feld – ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel zwischen Betrügern und Kontrolleuren. Wer hier bestehen will, muss aktiv damit umgehen, statt nur zu reagieren. Wir wollen wissen, wo wir laufen. Wir wollen keine Blackbox, sondern nachvollziehbare Mechanismen und verlässliche Daten.
Deshalb sind kontinuierliche Analyse und klare Prozesse wichtig. Ein zentrales Prinzip dabei ist, die Wertschöpfungsketten so kurz wie möglich zu halten. Jeder zusätzliche Zwischenhändler erhöht die Komplexität – und damit auch das Risiko von Intransparenz oder Betrug. Wir kaufen daher, wo immer möglich, direkt beim Publisher oder Vermarkter ein und achten darauf, dass Inventar und Abrechnung nachvollziehbar bleiben. Je klarer der Weg einer Impression zurückverfolgt werden kann, desto sicherer und effizienter wird die Kampagne.
Aufklärung, Standards und Kontrolle
Ad Fraud lässt sich nicht vollständig eliminieren, aber sehr wohl deutlich eindämmen. Die Basis dafür bilden drei Dinge: Transparenz, Standards und Kontrolle.
- Transparenz bedeutet, nachvollziehbar zu machen, wo und wie Werbung ausgespielt wird. Direkte Buchungen, geprüfte Partner und die klare Dokumentation des Einkaufswegs schaffen Vertrauen und sind das Fundament jeder seriösen Mediaplanung.
- Standards sorgen dafür, dass Qualität messbar bleibt. Zertifizierungen, Inclusion-Lists und der Einsatz von Pre- und Post-Bid-Filtern sind längst Pflicht, wenn man digital nachhaltig investieren möchte.
- Kontrolle ist keine Kür, sondern Voraussetzung. Monitoring und unabhängige Verification-Tools helfen, Auffälligkeiten zu erkennen – entscheidend ist jedoch, daraus auch Konsequenzen zu ziehen. Hier können Lösungen von Anbietern wie DoubleVerify, Integral Ad Science (IAS) oder Fraud0 helfen. Diese Tools prüfen in Echtzeit Sichtbarkeit, Traffic-Qualität und mögliche Manipulationen. Wichtig ist aber: Technologie allein löst das Problem nicht. Sie schafft Transparenz – genutzt werden muss sie von Menschen, die bereit sind, genau hinzusehen und zu handeln.
Connected TV im Fokus
Ein Bereich, der derzeit besonders im Blick steht, ist Connected TV (CTV). Die Nachfrage nach CTV-Inventar ist groß, gleichzeitig fehlt es an einheitlichen technischen Standards. Unterschiedliche Geräte, Plattformen und Messmethoden machen das Umfeld anfällig für Unregelmäßigkeiten.
Hinzu kommt die wirtschaftliche Attraktivität: Mit TKPs im zweistelligen Bereich und hoher Nachfrage ist CTV für Fraudster besonders verlockend. Wenn hochwertige Werbeumfelder auf technische Lücken treffen, entsteht ein ideales Einfallstor für Betrugsversuche. Hier gilt: Qualität vor Quantität, direkte Partnerschaften vor offenen Marktplätzen.
Pragmatik statt Panik
Ad Fraud ist kein Grund zur Hysterie – aber sehr wohl ein Grund zur Professionalität. Werbetreibende sollten sich bewusst machen, dass das Streben nach immer günstigeren Einkaufspreisen nicht ohne Konsequenzen bleibt. Qualität hat ihren Preis, und Transparenz ihren Wert. Entscheidend ist, das Thema aktiv zu steuern: Risiken benennen, Daten analysieren, Prozesse regelmäßig prüfen. Nur wer weiß, was wirklich passiert, kann sicherstellen, dass sein Budget dort wirkt, wo es wirken soll.
Ad Fraud ist kein technisches Randproblem, sondern eine Managementaufgabe. Wer digitale Werbung ernst nimmt, braucht klare Prozesse, saubere Partnerstrukturen und die Bereitschaft, aktiv hinzuschauen. Oder, um es pragmatisch zu sagen: Es bleibt ein Katz-und-Maus-Spiel – aber wer die Regeln versteht, spielt nicht mit verbundenen Augen.











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