-

Quelle: Ipsos

Nostalgie

Zwischen Idealbild und Realität: Deutsche sehnen sich nach früheren Zeiten

Die repräsentative Ipsos-Untersuchung Is Life Getting Better? 1975 versus 2025 verdeutlicht eine breite Rückwärtsorientierung: In 29 von 30 befragten Ländern würden die Menschen lieber im Jahr 1975 geboren worden sein als heute. Deutschland bildet dabei keine Ausnahme – im Gegenteil: 46 Prozent der Befragten würden das Geburtsjahr 1975 vorziehen, nur 14 Prozent wünschen sich eine Geburt im Jahr 2025.

Bemerkenswert: Selbst unter denjenigen, die 1975 noch gar nicht lebten, dominiert die positive Sicht auf die Vergangenheit. Weltweit wurden 72 Prozent der Befragten nach 1975 geboren – Nostalgie ist damit weniger Erfahrungs- als Gefühlssache.

Deutschland: Deutliche Skepsis gegenüber der Gegenwart

Die Deutschen bewerten zahlreiche Lebensbereiche der Vergangenheit durchweg besser:

  • Glücksniveau: 61 Prozent glauben, die Menschen seien 1975 glücklicher gewesen.
  • Sicherheitsgefühl: 67 Prozent sehen 1975 als sicherer an.
  • Frieden und Konfliktangst: 53 Prozent halten ein Leben ohne Kriegsfurcht damals für eher möglich.
  • Umweltqualität: 57 Prozent bewerten den Umweltzustand vor 50 Jahren positiver.

In einzelnen Bereichen fällt die Bilanz weniger eindeutig aus. Bei Bildung sind die Deutschen gespalten (45 % sehen 1975 vorn, 27 % heute), während global das heutige Bildungssystem klar besser bewertet wird. Beim Lebensstandard liegt die Bewertung in Deutschland nahezu gleichauf.

Eine Ausnahme bildet die Gesundheitsversorgung: 41 Prozent der Deutschen beurteilen das heutige System als besser – der einzige Lebensbereich, in dem die Gegenwart überzeugt. Weltweit fällt dieses Urteil noch deutlicher pro 2025 aus.

Warum sehnen sich Menschen nach früher?

Ipsos-Trendexpertin Inga Havemann ordnet die Ergebnisse in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext ein: Unsichere Zeiten mit multiplen Krisen – von geopolitischen Spannungen über wirtschaftliche Herausforderungen bis zu gesellschaftlichen Umbrüchen – begünstigten nostalgische Sichtweisen. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle verstärke die Idealisierung der Vergangenheit.

Besonders interessant für Marken und Unternehmen: Laut Ipsos liegt im Bedürfnis nach dem Lebensgefühl von 1975 plus dem Komfort von heute ein paradoxes, aber wirkungsvolles Spannungsfeld. Menschen wünschen sich vertraute Werte und Stabilität, ohne jedoch auf moderne Technik oder verbesserte Versorgung verzichten zu wollen.

Für Markenkommunikation bedeutet das: Vertrauen, Authentizität und klare Verortung werden wichtiger – Nostalgie kann ein Resonanzraum sein, darf jedoch nicht als Rückschritt verstanden werden.

Studie & Methodik

Die Online-Erhebung wurde zwischen dem 22. August und 5. September 2025 in 30 Ländern mit insgesamt 23.772 Personen durchgeführt, davon rund 1.000 in Deutschland. 

zurück

vg 16.12.2025