
Christian Ziegler, Bereichsleiter für Nachhaltigkeit, Umwelt und Energie bei der Unternehmensgruppe Fischer - Quelle: Fischerwerke GmbH & Co. KG
EU-Politik
Christian Ziegler, Fischer: "Nachhaltigkeit darf nicht an Bürokratie scheitern"
Der European Green Deal soll Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit gleichermaßen stärken. Doch viele Unternehmen sehen sich zunehmend mit komplexen Berichtspflichten und ständig neuen Anforderungen konfrontiert. Im Gespräch mit markenartikel erläutert Christian Ziegler, Bereichsleiter für Nachhaltigkeit, Umwelt und Energie bei der Unternehmensgruppe Fischer in Waldachtal, welche Impulse aus Brüssel bereits Mehrwert schaffen, wo er Reformbedarf sieht und warum verlässliche Rahmenbedingungen entscheidend sind, damit Nachhaltigkeit für Marken wieder zum Innovations- und Wettbewerbstreiber wird:
markenartikel: Mit Blick auf Themen wie Entwaldung, Lieferkettentransparenz und Sorgfaltspflichten: Welche Aspekte der EU-Politik funktionieren bereits gut und schaffen echten Mehrwert für Marken und Verbraucher?
Christian Ziegler: Der Ansatz der kontinuierlichen Verbesserung ist grundsätzlich richtig und wichtig. Dazu gehört es, den eigenen Ist-Zustand zu ermitteln, Ziele zu formulieren, geeignete Maßnahmen abzuleiten und deren Wirksamkeit zu überprüfen. Genau das tun wir seit vielen Jahren in vielen Bereichen. Über den bürokratischen Umfang lässt sich bei einigen EU-Verordnungen allerdings streiten.
markenartikel: An welchen Stellen sehen Sie besonders Diskussionsbedarf?
Ziegler: Im Kontext der CSRD würden wir es für wesentlich sinnvoller halten, die Schwellenwerte niedriger anzusetzen und dadurch mehr Unternehmen in die Pflicht zu nehmen, gleichzeitig jedoch den inhaltlichen Umfang deutlich zu reduzieren. Ein pragmatischer Ansatz nach dem Prinzip 'lieber realistisch 80 Prozent als nie 100 Prozent' würde insgesamt zu mehr Wirkung führen. Zudem sollten auch nicht verpflichtete Unternehmen ihren Beitrag leisten – sowohl im eigenen Interesse, in ihrer Verantwortung in der Lieferkette und auch im Sinne der Gesamtwirkung.
markenartikel: Wie gut ist die Unternehmensgruppe Fischer auf die steigenden Anforderungen vorbereitet?
Ziegler: Dank unserer sehr schlanken und effizienten Unternehmensprozesse, die in unserem Nachhaltigkeitsmanagement zentral zusammenlaufen, sind wir hier sehr gut aufgestellt. Daraus ergeben sich auch als Marke Chancen. Bisher haben sich in vielen Bereichen nur einige wenige Unternehmen engagiert, heute müssen alle etwas tun. Uns hilft auch, dass wir bereits vor vielen Jahren konsequent ein Nachhaltigkeitsmanagement und die dahinterliegenden Prozesse etabliert haben. Das unterstützt uns nun bei der Bewältigung bürokratischer Hürden und dabei, mit Innovationen auf wirtschaftliche und regulatorische Anforderungen zu reagieren.
markenartikel: Was braucht es aus Sicht der Marken von der EU-Politik, damit regulatorische Anforderungen nicht nur erfüllt werden, sondern auch zu einem Wettbewerbsvorteil werden können?
Ziegler: Im Kern verfolgt der European Green Deal das Ziel, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit Europas gemeinsam zu stärken. Regulierung soll nicht Selbstzweck sein, sondern europäische Unternehmen befähigen, im globalen Wettbewerb eine führende Rolle einzunehmen. Dieses strategische Ziel ist richtig und notwendiger denn je – gerade angesichts wachsender globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und geopolitischer Unsicherheit.
markenartikel: Wo sehen Sie bei der Umsetzung derzeit die größten Herausforderungen?
Ziegler: Gleichzeitig hat die politische Umsetzung dem Thema Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren jedoch einen Bärendienst erwiesen. Durch häufige Nachschärfungen, steigende Komplexität und eine starke Fokussierung auf formale Pflichterfüllung wurde viel Dynamik und Gestaltungswille in Unternehmen gebremst. Nachhaltigkeit wird zunehmend als bürokratische Last wahrgenommen, nicht als Innovations- und Wettbewerbstreiber. Das hat dazu geführt, dass das Thema – obwohl die Pflicht besteht – strategisch in den Hintergrund gerückt ist.
markenartikel: Was müsste sich ändern, damit Unternehmen wieder stärker ins Handeln kommen?
Ziegler: Ein zentraler Hebel ist dabei die Verlässlichkeit der Politik. Marken und Unternehmen können nur dann ambitioniert investieren, wenn regulatorische Rahmenbedingungen planbar, konsistent und langfristig stabil sind. Wer heute Vorleistungen erbringt, darf nicht riskieren, dass sich Spielregeln kurzfristig ändern oder zusätzliche Anforderungen nachgeschoben werden. Fehlende Verlässlichkeit untergräbt Vertrauen und schwächt genau jene Akteure, die eigentlich Vorreiter sein sollen. Hinzu kommt: Während die regulatorische Pflicht immer detaillierter wird, sind die globalen Herausforderungen größer denn je. Klimaziele, Transformation von Lieferketten und soziale Verantwortung lassen sich nicht allein durch Reporting lösen.
markenartikel: Was ist aus Ihrer Sicht dafür erforderlich?
Ziegler: Dafür braucht es einen pragmatischen, wirkungsorientierten Ansatz, der mehr Unternehmen einbindet, den Umfang reduziert und echten Fortschritt honoriert – nach dem Prinzip: lieber substanzielle Umsetzung als maximale Perfektion auf dem Papier. Zusammengefasst bedeutet das: Damit Nachhaltigkeit wieder zum Wettbewerbsvorteil für Europa wird, braucht es eine Rückbesinnung auf den eigentlichen Anspruch des European Green Deal: klare Ziele, verlässliche Rahmenbedingungen und Regulierung, die Wirkung ermöglicht, anstatt Dynamik zu ersticken. Nur so können Unternehmen ihre Pflicht erfüllen und zugleich die Kraft entwickeln, Europas Wettbewerbsfähigkeit im globalen Kontext nachhaltig zu stärken.
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