Eine geringe Fluktuation in den Aufsichtsgremien der DAX40-Unternehmen könnte nach Einschätzung der Personalberatung Spencer Stuart zunehmend zum Wettbewerbsrisiko werden. Der Board Index 2026 zeigt: Die Zahl der Neuberufungen ist deutlich gesunken, während Internationalität, Diversität und technologische Expertise nur begrenzt zunehmen. Für Unternehmen stellt sich damit die Frage, ob ihre Kontroll- und Beratungsgremien ausreichend auf die Herausforderungen von Transformation, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz vorbereitet sind.
Deutlich weniger neue Mitglieder in den Gremien
Laut der Untersuchung mit Sitz in Frankfurt am Main, Wien, München und Düsseldorf wurden 2026 lediglich 16 neue Aufsichtsratsmitglieder in den DAX40-Unternehmen berufen. Zwei Jahre zuvor waren es noch 107. Gleichzeitig stieg die durchschnittliche Amtsdauer von 5,4 auf 6,2 Jahre.
Die Entwicklung kann einerseits für Kontinuität und Stabilität stehen. Andererseits wächst die Gefahr, dass neue Perspektiven und Kompetenzen nur verzögert in die Gremien gelangen. Bereits 20 Prozent der Aufsichtsrät:innen gehören ihrem Gremium länger als neun Jahre an. Der Deutsche Corporate Governance Kodex empfiehlt dagegen eine maximale Zugehörigkeit von zwölf Jahren.
Auch die Altersstruktur bleibt vergleichsweise hoch. Rund 60 Prozent der Aufsichtsratsvorsitzenden sind älter als 65 Jahre, jede:r Zehnte sogar älter als 75 Jahre. Unabhängige Mitglieder unter 40 Jahren sind dagegen eine Ausnahme.
Internationale Perspektiven gehen zurück
Besonders auffällig ist der Rückgang internationaler Erfahrung in den Gremien. Während 2024 noch 19 Prozent der neu gewählten Aufsichtsrät:innen einen internationalen Hintergrund hatten, liegt dieser Anteil aktuell bei lediglich sechs Prozent.
Zwei DAX-Unternehmen verfügen laut Studie über keinerlei internationale Aufsichtsratsmitglieder. In neun weiteren Gremien sitzt lediglich eine Person mit internationalem Hintergrund. Angesichts globaler Lieferketten, geopolitischer Unsicherheiten und internationaler Märkte könnte dies die strategische Perspektive vieler Unternehmen einschränken.
Frauenanteil stagniert
Auch bei der Geschlechterdiversität zeigt sich kaum Bewegung. Der Frauenanteil in den Aufsichtsräten liegt unverändert bei 39 Prozent.
An der Spitze der Gremien bleibt weibliche Führung die Ausnahme. Vier Frauen stehen 35 männlichen Aufsichtsratsvorsitzenden gegenüber. Zu den Vorsitzenden zählen:
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Clara Christina Streit
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Katrin Suder
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Simone Bagel-Trah
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Sabrina Soussan
Technologiekompetenz bleibt Mangelware
Aus Sicht der Marken- und Unternehmensführung besonders relevant ist die geringe technologische Expertise in den Aufsichtsgremien. Nur rund sechs Prozent der Mitglieder verfügen über berufliche Erfahrung im Technologiesektor.
Zwar bringen viele Aufsichtsrät:innen Managementerfahrung als CEO oder CFO mit, Profile aus den Bereichen Digitalisierung, Innovation oder Technologie sind jedoch selten vertreten. Zudem verfügen lediglich 17 der 40 DAX-Unternehmen über spezielle Ausschüsse für Technologie-, Innovations- oder KI-Themen.
Gerade vor dem Hintergrund datengetriebener Geschäftsmodelle, neuer KI-Anwendungen und wachsender Cyberrisiken könnte dies zu einer strategischen Herausforderung werden. Denn Fragen der digitalen Transformation betreffen längst nicht mehr nur operative Prozesse, sondern zunehmend auch Markenführung, Kundenerlebnis und Wettbewerbsfähigkeit.
Governance wird zum Zukunftsthema für Marken
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Diskussion um Aufsichtsräte zunehmend über klassische Governance-Fragen hinausgeht. Für Markenunternehmen gewinnen Kompetenzen in den Bereichen Technologie, Innovation und internationale Märkte an Bedeutung. Ob Aufsichtsgremien diese Entwicklungen ausreichend begleiten können, dürfte künftig stärker in den Fokus rücken.
Der Spencer Stuart Board Index erscheint 2026 zum 14. Mal und basiert auf der Analyse der Geschäftsberichte aller DAX40-Unternehmen sowie ergänzenden Interviews mit Aufsichtsrät:innen.